Mehr über Männliche                           Spiritualität 

Ein Beitrag zur inneren Verarbeitung von Mythologie und persönlicher Geschichte
von Parzival

Nachdem Robin in der vorigen Nummer die männliche Heidenwelt darauf aufmerksam gemacht hat, daß sich außer Gott-Mama auch noch eine ganze Menge männlicher Gestalten in der Mythenwelt tummeln, ergreife ich die Gelegenheit, meine eigenen Bezüge zu Göttern darzustellen.
Ich beschreibe drei Gottheiten, die mir wertvoll und wichtig, deren Attribute und Wesenszüge zum Anknüpfungspunkt persönlicher Entwicklung wurden.
Es sind der indische Gott Ganesha, der germanische Urriese Ymir und der deutsche Mephisto.

Zuvor aber ein Wort zum Sinnzusammenhang. Für Frauen ist die Auseinandersetzung mit den Göttinnen wichtig, um in einer die Frauen abwertenden Gesellschaft zu einer eigenen, abgerundeten Identität zu gelangen.
Was aber mag Männer dazu bewegen, Göttinnen zu verehren ? Ich meine, die Vermutung, daß hier die einstige Abhängigkeit von Mutters Rockzipfel  auf einer sadomasochistischen Ebene ausagiert wird, läßt sich nicht ganz von der Hand weisen.
Daran ändern auch solche Rationalisierungen nichts, wie die Aussage, die Erdgöttin sei nun mal eben weiblich und folglich müsse man als Naturfreund die große Mutter verehren.
Als Mann aus der Abhängigkeit von der Mutter herauszutreten, bedeutet, die Frage zu stellen: Wer bin ich selbst ?
Zu diesem Zweck, zur Anwort auf diese Frage stellen uns die heidnischen Mythen nun jede Menge an Gestalten zur Verfügung.
Hier gilt es, zwei Irrtümer zu vermeiden. 1. Wenn ich mich mit mythischen Gestalten befasse, fallen mir solche ins Auge, die meine Sympathien, mein Interesse wecken. Aber letztlich mache ich diese Gestalten zur Projektionsfläche - ich greife einzelne ihrer Züge heraus, an denen ich eigene Mythen weiterstricke, aus denen ich heraus diese Gottheiten neu erschaffe. So viel Einsicht muß da sein, um gleich die Idee im Keim zu ersticken, daß wir hier real an einem „uralten" Kraftfeld partizipieren. Es ist ein Selbstgespräch der menschlichen Seele, höchstens könnte daraus ein Gespräch mit anderen werden, die den gleichen Weg gehen.
Zum andern geraten wir gern in die Gefahr,  in christlicher Manier zu Verehrern außerhalb von uns lebender spiritueller Individualitäten zu degenerieren.
Ich bin der Meinung, daß eine neu-heidnische Gottesvorstellung nur durch die mystische Sichtweise qualifizierbar ist, daß wir selbst zu der Gottheit werden, die in unserer Vorstellung Bedeutung erlangt.
Es ist aber stillos und verspricht keinen produktiven Beitrag der Heiden zu einer neuen Epoche der menschlichen Kultur, wenn wir uns Götter „injizieren", wie man eine neue Sorte Tortillas ausprobiert.
Eine Gottheit erwächst mir nicht aus den Seiten eines Lexikons, sondern nur aus den Tiefen eines biographischen Wachstumsprozesses, so wie eine Blüte oder ein Ast oder Zweig aus einer Pflanze erwächst.
Diese Vorbemerkungen waren mir wichtig, auf ihrem Hintergrund sei das Folgende zu verstehen.








Ganesha - Der Gott mit dem Elefantenkopf

Wenn heute eine/r von 800 Millionen Hindus auf unserem Planeten ein neues Geschäft beginnt, ein Buch liest oder zu einem Vorstellungsgespräch geht, evoziert er zunächst einmal den Namen eines Gottes, dessen Elefantenkopf für Europäer mehr als irritierend ist.
Dieser Gott, Sohn Shivas und Parvatis heißt auch Ganapati oder Vigneshwara. Und letzteres bezieht sich auf die Alltagserfahrung, die jeder von uns in der Massengesellschaft täglich macht: Es gibt unvorhergesehene Hindernisse, die sich unseren Zielen in den Weg stellen - das Leben wird zum Hindernislauf.
Ganesha steht in der Form von Vigneshwara als ein Gott zur Verfügung, der jederlei Art von Hindernis beseitigen kann - wenn man ihn vorher anspricht. Das hat zur Folge, daß er immer in Anspruch genommen wird, bevor man irgend etwas Neues beginnt. Auch dann z.B., wenn irgend welche anderen Götter angerufen werden, steht er an erster Stelle.
Die Kehrseite der Medaille ist, daß uns Ganesha auch Hindernisse in den Weg stellen kann, wenn wir ihn im entscheidenden Zeitpunkt ignorieren oder übergehen.
Wer jemals gesehen hat, wie indische Elefanten als Arbeitstiere Baumstämme mit ihren Rüsseln beiseiterollen, wird sofort nachvollziehen können, welchen Stellenwert dieser Gott in der Bewältigung von auftauchenden Problemen hat.
Die Tatsache, daß es sich um einen ziemlich alten Gott handeln muß, ergibt sich aus der großen Bedeutung des Elefanten für die Ökonomie der Region.
Er muß darin schon immer mindestens so bedeutsam gewesen sein, wie der Stier im alten mediterranen Europa.
Die Geburtslegende des Gautama Buddha zeigt die weite Verbreitung der mythischen Bedeutung des Elefanten im alten Asien: „Klar und bei vollem Bewußtsein ging er, als ein junger weißer Elefant mit sechs Stoßzähnen, zur rechten Seite in den Leib seiner Mutter ein, als diese gerade Fasttage hielt. Sein Kopf war purpurfarben, die Reihe der Zähne blitzte wie Gold, und er war mit allen Körperteilen wie Gliedern wohlversehen...". Die Königin Maya war eingeschlafen und träumte: „Ein Prachtelefant, strahlend wie Schnee und Silber, ist tänzelnden Schrittes und mit diamantfesten Gelenken in meinen Leib eingegangen...Nie vorher habe ich etwas so Schönes gesehen und gehört, nie ähnliche Wonne empfunden. Es war ein Gefühl körperlichen Glücks und gleichzeitiger Beseligung des Gemüts...."
Dieser Vorgang der Empfängnis Buddhas zeigt schon, daß der elefantenköpfige Gott auch eine spirituelle Dimension hat, die über die Funktion eines bloßen „Nothelfers" weit hinaus geht.
Im Tantra heißt es, daß Ganesha im Muladhara-Chakra, dem Wurzel-Chakra des menschlichen Körpers wohnt.
In der Tat deutet diese Symbolik an, daß es sich bei Ganesha um einen Gott der ersten Ursache handelt, die mit der heiligen Silbe AUM ebenso wie mit der Svastika in Verbindung gebracht wird.
Diese erste Ursache ist im Sinne einer ersten Bewegung zu verstehen, insofern, als das in Bewegung setzen der Lebensenergie Grundvorraussetzung aller Lebensprozesse ist. Erhärtet wird dieser Stellenwert des Gottes in dem ältesten Sanskrit-Text, in dem sein Name Erwähnung findet,  der Aitareya-Brahmana I.21, in der er mit Brahma, dem Ur- und Schöpfungsgott gleichgesetzt wird.
Mit der Vorschrift, man müsse zunächst immer erst Ganesha anrufen, bevor man irgend etwas beginnt, ist also eigentlich gemeint, daß man erst dann handeln sollte, wenn zuvor die Urbewegung des tiefsten Ursprungs stattgefunden hat.
Darin steckt jetzt für mich die lebendige Erfahrung, die Basis meiner Identität ist. Ich praktiziere seit Jahren Mantram-Meditation. Und wenn ich in mehrstündiger Meditation meinen Geist gereinigt habe und das lebendige Emporströmen der Kraft aus der Tiefe des Wurzelchakras verspüre, sehe ich anschließend alles, was ich dann tue, in einem völlig anderen Licht.
Hier geht es um eine Kultur, die Religion nicht als Accessoire betrachtet, sondern als die Grundlage, aus der erst die Gesamtheit der menschlichen Existenz und Tätigkeit hervorgeht.
Sicher ist es im Alltag nicht immer möglich, einer schwierigen Tätigkeit stundenlange Meditation vorrausgehen zu lassen. Oft genügt aber auch schon eine wenige Minuten andauernde Gedankenstille, die eine völlig neue Fähigkeit zur Wahrnehmung der Welt und zur Aufmerksamkeit gebiert.
Ferner ist an dieser Spiritualität bemerkenswert, daß das Ursprüngliche, das erste in der Welt aus ihrer tiefsten Tiefe hervorgeht, nicht von der höchsten Ebene !
Nochmals zurück zur mythischen Symbolifikation. Der Name Ganesha ist eigentlich zurückzuführen auf Gana-Isha, das heißt Herr der Ganas. Die Ganas sind die Heerscharen Shivas, seine Kräfte.
Ganeshas Körper setzt eine Reihe interessanter Bezüge: So steht sein (abgebrochener) Stoßzahn in Beziehung zum abnehmenden und zunehmenden Mond , der Rüssel hat phallischen Charakter, was sich insbesondere in seiner Form als Ucchishta Ganapati zeigt  (s. Abb. S.   ). Sein überdimensionaler Bauch soll die Fülle des Universums verkörpern !

Der interessanteste Punkt ist aber, daß Ganesha einmal abgesehen von den früheren Inkarnationen Vishnus der einzige Gott des Hindu-Pantheons ist, in dem sich menschliche und tierische Attribute verbinden. Das stellt eine gewisse Analogie zu Pan und den ägyptischen Göttern dar und gemahnt an eine religionsgeschichtliche Epoche, in der die Götter noch selbst tiergestaltig waren (während sie dann viel später nur noch bestimmte Tiere in ihrer Gefolgschaft mit sich führen). So richtet sich unsere Aufmerksamkeit auf die Ursprünge, die die Hindu-Mythen für ein menschengestaltiges Wesen mit Tierhaupt angeben. Diese Mythen sind völlig uneinheitlich und zeigen mit großer Deutlichkeit die Unbekümmerheit kreativen mythischen Erzählens.
So berichtet ein Mythos, Parvati und Shiva hätten im Dschungel Elefanten beim Koitus beobachtet und sich daraufhin selbst in Elefanten verwandelt. So sei Ganesha gezeugt worden.
Eine andere Geschichte erzählt, daß Parvati ihren eigenen Diener haben wollte. Sie badete und erschuf aus dem abgewaschenen Schmutz ihres Körpers ein Wesen, das sie bewachte. Als Shiva heimkam, stellte sich der von Parvati geschaffene Ganesha Shiva entgegen, so daß dieser ihm den Kopf abschlug.
Um seine Gattin wieder zu versöhnen, sandte Shiva seine Diener aus, mit der Anweisung, das erste Wesen, dem sie begegneten, den Kopf abzuschlagen, um diesen als Ersatz für Ganeshas Kopf herbeizuholen. Es war ein Elefant und so erhielt Ganesha einen Elefantenkopf.
Diese Geschichte macht nicht nur deutlich, daß Ganesha offenbar Bezüge zu matriarchalischen Zeiten aufzuweisen hat, insofern, als die Göttin ihn ohne männliche Zeugung hervorbringt. Das Resümee des Mythos, die Konfrontation mit Shiva verweist dann aber zugleich auf den Kompromiß im Rahmen einer Gesellschaft, in der das Männliche und das Weibliche auf einen Ausgleich zusteuern.
In einer weiteren Version heißt es nur, Parvati habe in großem Stolz dem Saturn ihren neugebornen Sohn gezeigt. Doch dessen Anblick habe sein Haupt zu Asche verbrannt. Daraufhin habe ihr Brahma (!) geraten, seinen Kopf durch den des ersten Wesens zu ersetzen, das sie finden würde; und das war eben ein Elefant.
Wieder ein anderer Mythos beschreibt einen Kampf, in dessen Gefolge Ganeshas menschliches Haupt durch den Kopf von Indras Elefant ersetzt wurde. Indra aber war der indoeuropäische Himmesgott der alten vedischen Zeit, so bedeutsam in Indien wie Zeus bei den Griechen oder Tyr/Ziu oder Odin bei den Germanen.
Interessant ist vor allem, daß der menschliche Kopf einem tierischen Ersatz weichen mußte: Im menschlichen Gehirn und seiner evolutionären Entwicklung liegt eine der maßgeblichen Gründe für die Entfremdung des Menschen von der Natur.
Indem ich in der Meditation das abstrakte und assoziative Denken aufhebe, begebe ich mich gerade in einen Zustand, in welchem ich die „Errungenschaften" des spezifisch Menschlichen annuliere. Schon das ist ein guter Grund, einen tierköpfigen Gott in den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit zu stellen.
Meine persönlichen europäischen Projektionen veranlassen mich, in Ganesha eine Gestalt zu sehen, die Beharrungsvermögen, unerschütterliche Stärke und die Fähigkeit, in sich selbst zu ruhen repräsentiert.
Ich finde es wesentlich, sich diese Eigenschaften in einer Epoche anzueignen, in der es alle supertoll finden, ihre Lebensprozesse ständig ziel- und stufenlos zu beschleunigen.
Ganesha ist mir auch deshalb sympathisch, weil er seine Kraft nicht zeigt, indem er zerstört, sondern eigentlich nur dadurch, daß er Lasten trägt, abträgt, wenn man ihn unterstützt und dies verweigert, wenn man ihn ignoriert.

Ymir - das All in sich umfassen

Bei meinen Meditationen habe ich eine weitere seltsame Erfahrung gemacht, neben zahleichen anderen Wahrnehmungen. Wenn man, nach den ersten ekstatischen Kaskaden der aufschießenden Lebensenergie nicht aufspringt, um diese Energie in Handlung umzusetzen, geschieht Folgendes: Ich habe das Gefühl, daß sich meine Seele, mein Bewußtsein im Raum ausbreitet, ja den Raum gleichsam erfüllt.  Es ist so, als wenn ich nicht mehr auf meinem Meditationsstuhl bin, an einem Punkt im Raum, sondern als wenn ich zu einem Schwingungsfeld geworden bin, oder zu einem „raumfüllenden Etwas".
Allerdings ist dies nicht mehr ein Zustand innerer Abgeschiedenheit und Konzentration, wie er für den Vorgang der Mantrammeditation selbst charakteristisch ist. Es ist also kein In-sich-Sein, sondern eine völlige Offenheit gegenüber dem mich umgebenden Raum, ein „Hinausstrahlen".
Um für dieses Erleben, das für mich ein Höchstmaß an Stille und Eigenständigkeit darstellt, ein halbwegs angemessenes Symbol zu finden, sind mir alte Gestalten aus den Mythen aufgefallen, die das Weltganze verkörpern. So ein Wesen ist z.B. der nordische Ymir, von dem die jüngere Edda berichtet, die Urgötter hätten aus seinem zerstückelten Körper die Welt geschaffen, aus seinem Blut das Meer, aus seinem Fleisch die Erde, aus seinen Knochen die Berge, aus seinem Schädel den Himmel und aus seinen Haaren die Bäume usw.
Allerdings ist es ja wohl offensichtlich, daß hier eine indoeuropäische Fälschung vorliegt. Denn diese genaue Analogie zwischen seinen einzelnen Körperteilen und den Elementen der Natur deutet ja daraufhin, daß schon vorher ein lebendiger Zusammenhang bestanden haben muß .
Wir haben hier einen Konflikt zwischen einer bestimmten Art von Kosmologie, die die gesamte Welt als ein organisches Wesen wahrnimmt und zwar in dem Sinne, daß die körperliche Substanz dieses Wesens identisch ist mit dem Weltganzen   und einer anderen Kosmologie, die die Konkurrenz oder den Kampf verschiedener Individuen miteinander als konstituierenden Prozeß des Weltganzen betrachtet.
Übertragen wir jetzt diese Symbolik auf das menschliche Individuum, so bieten sich zwei Sichtweisen: Bei der ersten Variante haben wir ein Wesen vor uns, das Autonomie und Verbundenheit mit der Welt zugleich verkörpert, bei dem der Kontakt zur Welt gleichsam einem organisch-physiologischen Prozeß gleichkommt. In der Kosmologie der drei Ur-Götter Odin, Vili und Ve ist das Verhältnis zur Welt dadurch gekennzeichnet, daß man etwas verdrängt und kaputtschlägt, wenn man sich zu der Welt außerhalb in Beziehung setzt.
In der ersten Variante sehe ich den Ausdruck einer Kultur, in der sich der Mensch durch ruhige Aufmerksamkeit und Zentriertheit in seiner eigenen Tiefe zum Mittelpunkt einer Welt macht, die wahrhaft seine Welt ist, in der ihn auch nichts „aus den Fugen" bringen kann.
Die polytheistische Ordnung indoeuropäischer Couleur findet sich wieder in der Kriegsgeilheit, dem kapitalistischen Konkurrenzdenken, dem Verbrennungsmotor und dem Syndrom der multiplen Persönlichkeit.
Ich bin jetzt der Meinung, daß die eingangs erwähnte Sicht der Welt angenehmer und gesünder ist.
Es gibt ähnliche Gestalten auch in anderen Systemen, die die Ganzheitlichkeit und Verbundenheit von Mensch und Umwelt in Bilder gefaßt haben: Z.B. der Adam Kadmon der Gnostiker und Kabbalisten oder Homo Maximus der christlichen Mystiker   Simek (s.o.) sieht auch einen Zusammenhang mit dem indischen Yama, dem altiranischen Yima und dem  Tuisto aus der Germania des Tacitus.
Die Idee, daß ein Mensch, der vollkommen mit seiner Umwelt verbunden ist, auch die vollkommene Kontrolle über das Geschehen in dieser Welt hat, läßt eine Querverbindung zu einem anderen Begriffskomplex zu, der uns aus der Psychoanalyse bekannt ist: Dem primären Narzißmus. Damit ist eine Art psychischer Urzustand aus der frühesten Kindheit jedes Einzelmenschen gemeint, in welchem noch nicht völlig bewußt ist, daß zwischen mir als Einzelwesen und der Welt um mich herum wirklich ein physischer Unterschied besteht. Dieser psychische Zustand ist das Erbe jener Lebensphase, die der Mensch in der Allverbundenheit des Mutterleibes verbringt. Natürlich wird dieser Zustand des Narzißmus normalerweise abgewertet mit dem Hinweis auf eine notwendige Anpassung an die „Realität", hinter die der Mensch in seiner Entwicklung nicht zurückfallen dürfe. Aber die Problematik der Diskussion ist ungefähr so tiefgehend wie die Unfähigkeit vieler „Realitätsmenschen", den Unterschied zwischen „kindisch" und „kindlich" wahrzunehmen.

Der Begriff geht auf Narkissos zurück, eine griechische Sagengestalt. Narkissos soll ein Hirtenknabe gewesen sein, der sein Antlitz auf einer Wasseroberfläche erblickte und sich in sich selbst verliebte. Deshalb soll er das Liebesbegehren der Bergnymphe Echo verschmäht haben und zur Strafe in die nach ihm benannte Narzisse verwandelt worden sein.
Man sieht schon, wie willkürlich Freud seine Projektionen auf diese Gestalt vorgenommen hat. Die ungeheure Bedeutung des Begriffs in der modernen Tiefenpsychologie bis hin zur Sozialphilosophie scheint sich in dem schmächtigen mythischen Fragment kaum wiederzufinden.
Welche Assoziationen ergäben sich denn noch aus diesem mythischen Bild ? Sich selbst im Spiegel wahrzunehmen heißt doch auch, sich selbst zu erkennen, seine eigene Wesensart aufmerksam zu betrachten.
Genau hier haben wir einen starken Affront gegen ein herkömmliches männliches Selbstverständnis. Das patriarchalische Machtgefühl ist u.a. deswegen so mitleidlos, weil diese Art von Mann in der Regel selber taub für seine eigenen Gefühle und Motive geworden ist. Leute, die über das meiste Maß an Macht verfügen, wissen oft am wenigsten über sich selbst.
Dabei ist genau das die Vorraussetzung, um sich auf sinnvolle und befriedigende Weise in der Außenwelt zu bewegen.
Wer den Zusammenhang der alten Mythen von einem Gott, der ganz eins mit seiner Welt ist, mit der Gestalt des Narziß inhaltlich richtiggehend aufgedeckt hatte, war Herbert Marcuse. In seinem „Triebstruktur und Gesellschaft"  heißt es:  „Der primäre Narzißmus ist mehr als nur Autoerotik; er zieht die Umgebung in sich hinein, indem er das narzistische Ich mit der objektiven Welt integriert."
Ferner chakterisiert Marcuse diesen Zustand mit den Worten: „...die Stimme, die nicht befiehlt, sondern singt"..."die Befreiung von der Zeit...", „die Erlösung der Lust, der Stillstand der Zeit,...Stille, Schlaf, Nacht...", „das Schweigen und die Ruhe".
Marcuse erhebt Narziß ebenso wie Orpheus zu Archetypen , Urbildern einer anderen Art von Kultur, die dem Bild des Prometheus als Sinngestalt des Leistungsmenschen antithetisch gegenübergestellt wird.
Marcuse resümiert: „Seine Sprache ist Gesang, sein Werk ist Spiel. Das Leben des Narziß ist das der Schönheit und sein Dasein ist Kontemplation."
Hier sehe ich eine positive Identifikationsmöglichkeit. Statt ständig neue Welten zu erobern, was mit der permanenten Zerstörung „überholter Formen" einhergeht, proklamiere ich ein Ideal des Einklangs von Menschen mit ihrer Welt.

Mephistopheles - LOKI

Wie meine bisherigen mythologischen Darlegungen ergeben haben, entsteht das Bedürfnis nach mythischen Gestalten nicht aus den Mythen heraus, sondern aus Tatsachen und Problemen unseres heutigen Lebens. Es sind nicht die Götter, die uns aus Urtagen der Menschheit oder einer anderen Welt etwas zurufen - wir aber rufen nach ihnen, eben nach jenen, die uns Hilfe zu versprechen scheinen.
Das ist für mich der Hauptgrund, warum ich eine neuheidnische Kontroverse nicht verstehe, die ich öfter einmal vorgefunden habe: Die zum Teil heftige emotionale Ablehnung gegenüber jener Gestalt, die in der christlichen Theologie als Widersacher oder Teufel figuriert.
Sowohl germanophile Heiden als auch der freisinnige Frederic Lamond sind sich darin einig, daß Satan in unserer Religiosität keinen Platz habe, weil er nur ein Produkt des Christentums sei und deshalb keine primäre spirituelle Wertschöpfung erlaube.
Sicher spielen dabei auch die von klerikalen Einpeitschern gesäten Vorurteile eine Rolle, Satanisten begingen Ritualmorde, mißbrauchten Kinder und animierten Menschen lediglich zum Haß.
Abgesehen davon, daß es sich hier um billige Projektionen aus der eigenen „Heilsgeschichte" handelt, wird gerne eines übersehen: Solange die Gestalt eines unumschränkt herrschenden Gottes unsere Gedanken beherrscht, wird stets ein Teil unser Emotionen in die Notwehr einer persönlichen Rebellion fließen, die sich gegen die  Übermacht monotheistischer Gottesbilder verwahrt.
Nun ist zwar die christliche Ideenwelt mit ihrem himmlischen Tyrannen heute kein Faktor mehr, der Gegenstand bewußter gesellschaftlicher Rezeption wäre.
Doch das ändert nichts daran, daß die individualisierte männliche Tyrannis als Herrschaftsform im gesellschaftlichen Machtgefüge nach wie vor unangetastet steht.
Schauen wir nach Rußland und Amerika ! Denken wir an einen politischen Skandal der jüngsten Zeit in unserem Land, der bewies, daß die billigsten Mafiaideale zwei Jahrzehnte lang unumschränkt von allen geschluckt wurden, die Unterwerfung unter den Vater, dem man nur Gutes unterstellte, bis man einen Blick in die Abgründe der Kloake riskieren durfte.
Und die politische Gegenseite ? Überall bewegt sich die Diskussion in die Richtung, daß man mit dem Prinzip der Meinungsvielfalt und des offenen Diskurses  nur Schwäche zeige, und daß die „Führer" bedingungslosen Respekt verdienten. Die Entwicklung in den Medien mit ihrer schauspielerischen Präsentation von Individuen unterstützt diesen Kurs nachhaltig, unterminiert damit fortwährend Demokratie als kollektiven Diskurs.
So lange das alles so bleibt, hat der Rebell, der die Mächtigen karikiert, in Frage stellt, ihre Schwächen aufdeckt, die Absolutheit ihrer Macht anzweifelt und ihren Sturz vorbereitet, den größten Anspruch auf unsere Sympathie.
Satan, der JHVH mit der Aussage provozierte, seine Anhänger würden sich von ihm abwenden, wenn die auferlegten Belastungen überhandnähmen; Loki, der den Göttern gnadenlos ihre sexuellen Spezialitäten offenlegt in dem Augenblick, wo sie sich als moralische Elite präsentieren; der Teufel des Hexensabbats, der die Christen dazu ermuntert, die ihnen auferlegten Zwänge abzuschütteln, indem sie die geheiligten Riten des Monstrums Kirche verhöhnten...Der Teufel hat zahllose Gesichter. Er ist das große Nein - gegenüber Ausbeutung und Zwang, gegenüber Unterwerfung und Demut, gegenüber Triebverzicht und Arbeitshetze.
Auch in der Ikonographie des Satanischen haben wir übrigens neben der Rezeption solcher antiker Gottheiten wie Pan oder Hermes eine wilde, spontane Wiederkehr des Tierischen zu vermerken, das die Menschen durch die christliche Ethik bedingt, zu verdrängen gezwungen waren. In vielen Teufelsbildern ist es eine fast regellose Anhäufung tierischer Attribute.





Und heute ? Hat sich etwas durch die Säkularisation, das institutionelle Verblassen des Christentums geändert ?
Das kapitalistische System, in dem wir leben, ist das große Erbe der protestantischen   Leistungsethik, ein System, in dem Profitmaximierung auf Kosten des letzten Funkens tierhafter Lebendigkeit im Menschen und der gesamten äußeren Natur so weit getrieben wird, daß die Vernichtung des Lebens auf unserer Erde zu einer berechenbaren Größe wird.
Gegen die Lebensverneinung, die sich das Tier Mensch in den Shopping-Arkaden und Callcentern, in First-Class-Hotels und U-Bahnschächten, in Gen-Labors und Internet-Cafés auferlegt, waren selbst die Klöster des fünfzehnten Jahrhunderts Orte fröhlicher heidnischer Unbekümmertheit !
Wenn es wirklich keinen Geist der Verneinung in euch geben sollte, der sich gegen all das erhebt, würde das für mich persönlich ernste Fragen über Sinn und Unsinn eines neuen Heidentums aufwerfen.
Zugegeben, Satan ist nicht gerade sehr friedliebend. Aber er bringt den Funken der Erkenntnis und der Gewahrwerdung in jeder Diskussion, jedem leidenschaftlichen Essay, jedem Augenblick, in welchem wir unser Gegenüber mit der Wahrheit über den Gegenstand der Erörterung konfrontieren.
Um jetzt etwas vom Gelaber zum Konkreten zu kommen: Gerade Letzteres, die Wahrheit zu sagen, ist vielleicht die schwierigste, brutalste und unzeitgemäßeste Übung, der wir uns unterziehen können - in einem Zeitalter, in dem das erzwungene Lächeln zur Geschäftsordnung des Dienstleistungsmenschen gehört.
Die Wahrheit - sie ist wie eine Schlange, die ständig unter der Erde mit jedem unserer Schritte von uns herumkriecht, von der wir befürchten müssen, daß sie jeden Augenblick mit ihrem gepanzerten Haupt die Erde durchstößt, um sich unverhüllt zu zeigen.
Wie jedes starke Gift entscheidet hier die Frage der Dosierung über Heilung oder vernichtenden Ruin. Auch hier, wie bei der Erfüllung unserer Begierden ermahnt uns Epikur, das rechte Maß zu beachten !
Also, auch nach reiflicher Überlegung bleibe ich dabei: Solange wir ohnehin keine Sozialstruktur haben, die wir uneingeschränkt respektieren können, bleibt die satanistische Empörung eine wichtige ethische Grundlage, um in dieser Welt bestehen zu können.

Damit habe ich Euch jetzt drei Gottheiten vorgestellt, deren Geburt in der Seele eines Mannes meines Erachtens zu sinnvoller Identität führen kann: Ganesha als Repräsentant der Urenergie, die nicht durch Anspannung sondern durch Ausstrahlung entsteht. Ymir als Gott des Weltganzen, der uns lehrt, im Einklang mit uns und unserer Welt zu sein. Und Mephisto, der seine schneidende Stimme gegen Verdummung und Repression erhebt.

Stellen wir uns vor, diese drei kämen wirklich ins Gespräch !

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